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Ukraine-Konflikt: Was passiert jetzt mit Nord Stream 2?

Die Bundesregierung hat das Verfahren zur Genehmigung des Starts der Gaspipeline Nord Stream 2 gestoppt, das bedeutet aber nicht ihr Ende. Berlin lässt die Möglichkeit einer späteren Inbetriebnahme offen, betont DW-Journalistin Sabine Kinkarc.

Es schien eine sensationelle Neuigkeit zu sein. Während in der Europäischen Union noch beraten wird, welche Sanktionen in welcher Reihenfolge gegen Russland verhängt werden, kündigt Bundeskanzler Olaf Scholz Deutschlands Beitrag zu diesen Maßnahmen an: Die Gaspipeline Nord Stream 2 wird nicht in Betrieb genommen. Das Arbeitserlaubnisverfahren wurde ausgesetzt.

Es bedarf nicht mehr als eines gewöhnlichen Verwaltungsakts. Das Bundeswirtschaftsministerium zieht die Analyse zurück, in der die Gasleitung als wichtig für die Energieversorgung in Deutschland gekennzeichnet wird. Ohne dieses Kennzeichen darf die zuständige Stelle, die Bundesanstalt für Netze in Bonn, der Leitung keine Bescheinigung, dh keine Arbeitserlaubnis ausstellen.

Energieversorgung ohne Nord Stream 2 sicherstellen

Das Ministerium werde „unter Berücksichtigung der Geschehnisse der letzten Tage eine neue Bewertung der Versorgungssicherheit vornehmen“, fügte die Kanzlerin hinzu. Dieser Satz ist bedeutsam. Einerseits räumt Scholz ein, dass er sich im Dezember geirrt habe, als er behauptete, die Gasleitung sei ein „privatwirtschaftliches Projekt“ und das Genehmigungsverfahren „völlig unpolitisch“.

Zweitens lässt sich Scholz mit diesem Satz einen Notausgang. Denn es lässt sich so verstehen: Mit jeder Änderung kann die Frage der Energieversorgungssicherheit neu analysiert werden. Wenn Russland nachgibt, würde sich etwas ändern. Und was würden Sie dagegen sagen, dass Nord Stream 2 auf den Markt kommt? Zumal die Gaspipeline fertig ist, also noch in Betrieb genommen werden muss.

Nord Stream 2 bleibt

Das wird den Amerikanern sicherlich nicht besonders gefallen. „Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die ukrainische Grenze überquert, wird es North Stream 2 nicht mehr geben“, sagte US-Präsident Joseph Biden beim Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Washington. Wie er das erreichen wolle, da die Gaspipeline unter deutscher Kontrolle stehe, fragte ein Journalist. Bidens Antwort war: „Das verspreche ich Ihnen. Wir werden es möglich machen.“

Nord Stream 2 bleibt. Zwar eingefroren im  Status quo , aber jederzeit einsatzbereit. Damit vermeidet der Sozialdemokrat Olaf Scholz Probleme in der eigenen Partei. Insbesondere die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schweiz, hat in der Vergangenheit alles getan, um die Fertigstellung der Gasleitung sicherzustellen. In dieser Provinz endet die Gaspipeline Nord Stream auf deutscher Seite. In der aktuellen Situation bleibt der Regierung unter Schweizer Führung nichts anderes übrig, als den Sanktionskurs der Bundesregierung zu unterstützen, hofft aber insgeheim, dass Nord Stream 2 eines Tages den Betrieb aufnehmen wird.

Auch Altkanzler Gerhard Schröder kann sich freuen

Genauer betrachtet war das, was Olaf Scholz veröffentlichte, also keine Sensationsmeldung, sondern aus seiner Sicht eher ein kluger Schachzug. Man könnte es auch als Scherz bezeichnen. Scholz machte North Stream 2 zum deutschen Teil der Sanktionen und bewies damit, dass sein Land ein verlässlicher Verbündeter ist, ließ sich aber gleichzeitig alle Optionen für die Zukunft offen. Er verschafft sich sogar einen Vorteil und kann fortan aktiv mitentscheiden, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

Darüber wird sich auf deutscher Seite sicherlich Altkanzler Gerhard Schröder am meisten freuen. Er ist nicht nur ein enger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sondern auch ein Sozialdemokrat, der sich stark in der russischen Wirtschaft engagiert: Er ist Aufsichtsratsvorsitzender des Konsortiums „Severni tok 2 AD“, Vorstandsvorsitzender der Direktoren des Vorstands „Severi Tok 2 AD“ des russischen staatlichen Energiekonzerns Rosneft.

Kürzlich wurde Schröder in den Aufsichtsrat des russischen Gasriesen Gazprom berufen – vielleicht, weil Putin hoffte, auf die Entscheidung des jetzigen sozialdemokratischen Kanzlers Einfluss nehmen zu können. Aber das – das ist heute völlig klar – hat Olaf Scholz sicher nicht beeindruckt.

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